Anastasia war gerade selbst in den Wirren des Turnieres zu Ehren des Volkes, der Bruderschaft verstrickt, sodass ihr Depeschen aus anderen Ländern nur meist mit etwas Verspätung vorgetragen wurden. Eine jedoch wurde ihr unverzüglich überreicht, sobald sie sich erfrischt nach der zurück liegenden Duellrunde in ihre Gemächer zurück gezogen hatte. Mit Mühe hatte sie den jungen Hjorvarth besiegt, der schon jetzt offenbarte, dass er ganz seines Vaters Sohn war und sie bewusst versucht hatte niederzuringen, koste es was wolle. Letzten Endes aber hatte die Gerechtigkeit gesiegt und Anastasia hatte ihre Rolle und ihren Platz verteidigt.
Mit einem triumphierenden Lächeln hatte sie ihn stehen lassen und sich den Brief, der an sie ganz persönlich gerichtet war, zu Gemüte geführt.
Hernach war ihr das Lächeln förmlich im Gesicht fest gefroren, denn sie wusste, dass sie um diese Einladung nicht umhin kam. Zu lange und oft hatte sie ihre Empfindungen weggeschoben wie einlästiges Anhängsel, und so leicht war ihr dies immer gefallen, da sie wusste, er war weit, weit weg. Nun rief er sie zu sich, liebevoll, für einen Krieger wie er es war, beinahe zärtlich, und resigniert musste sie sich eingestehen, dass sie nicht vor allem davon laufen konnte oder es in Schubladen verstecken konnte. Außerdem würden Pyry und Vasilisa nicht erfreut sein, wenn sie ihren Vater ein weiteres Jahr vor ihnen verbarg. Vasilia kannte ihn nur von Erzählungen, denn trotz ihrer acht Lenze, die sie zählte, hatte sie ihn noch kein einziges Mal zu Gesicht bekommen und Pyry war damals viel zu klein gewesen, um noch Erinnerungen verbuchen zu können.
Schweren Herzens und mit einem Anflug von Wehmut, ihre Kinder aus der eigenen Kontrolle lassen zu müssen, setzte sie ein Schreiben an ihren Gatten auf. Sie liebte ihn, ohne Frage, aber selten hatte sie etwas gefürchtet wie eben jene Liebe, die ihr keinerlei Optionen für Gegenwehr ließ.
QUOTE:
Lavrras, Geliebter, Ehemann und Freund,
Sobald es mir meine Pflichten in Moskau zulassen, die sich vorübergehend auf das derzeit noch stattfindende Turnier und das Wohl der Bruderschaft beziehen, mache ich mich unverzüglich mit Pyry und Vasilia auf zu dir. Du hast Recht, viel zu lange ist es her, seit wir uns das letzte Mal begegnet sind und deine Kinder kennen ihren Vater nur aus Erzählungen. Dies hoffe ich bei diesem Aufeinandertreffen zu ändern und so verbleibe ich in tiefer Zuneigung zu dir.
Innigst
Deine Nastjenka