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THEMA: Die Festung der Ritterlichkeit
 
Leicholf Kaltherz

Susdaler Rus
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Die Festung der Ritterlichkeit      23.08.2010 09:05:56 --- 1 Jahr, 5 Monate her  
Kathedrale zu Mordwina, Grafschaft Mordwina
Dezember des Jahres 1052


Vor dem Altar der riesigen Kathedrale hatte sich eine Gruppe Ritter zusammengefunden, um eine Aufnahmezeremonie zu vollziehen.
Schweigend saßen sie auf ihren Bänken und blickten auf ein Podest, auf dem der Altar stand. Vor diesem kniete ein alter fahler Krieger, er kehrte den Rittern den Rücken zu und hielt den Kopf gesenkt; die schwarze Tunika hatte er abgelegt. Seine bloße Brust glänzte blass im Kerzenlicht. Die flackernden Flammen vermochten die dunkle Innenkammer nur teilweise zu erleuchten, der große Teil der Versammlung blieb im Schatten getaucht.
Von zwei in schwarz gekleideten Priestern gestützt, stieg ein Geistlicher die Stufen zum Podest empor.
In seinen Händen hielt er ein in Leder gebundenes Buch. Seine Helfer begannen den Altar herzurichten.
Nachdem sie die heiligen Gefäße darauf gebaut hatten, traten sie hinter den Altar zurück, wo zwei wie alle Mordwinen in weiße Überwürfe mit einem roten Fuchs auf der Brust gekleidete Ritter warteten.
Der Priester räusperte sich, dann wanderte sein Blick über die schweigende Menge hinweg.

"Ecce quam bonum et quam jocundum habitare fratres in unum."

"Amen", erwiderte der Stimmenchor der versammelten Ritter.

Der Priester senkte den Kopf. "Im Namen unseres Herrn Jesus Christus und im Namen der Muttergottes heiße ich euch willkommen meine Brüder. Diese Versammlung wurde einberufen um ein heiliges Ritual zu vollziehen, und so lasst und beginnen."

Er richtete den Blick auf den hässlichen Mordwinen der vor ihm kniete. "Sage mir nun was dich hergeführt hat."

Der Fahle hatte Mühe, sich an die vorgeschriebenen Worte zu erinnern, die man ihm Zeit seines Lebens eingeschärft hatte. "Ich bin gekommen um vor Gott den Eid zu wiederholen, den ich so viele Male schon geleistet. Mein Leib und meine Seele dienen dem Reich. Des Reiches Leid wird mir Schmerzen bereiten und des Reiches Glück wird das Meine sein."


"In wessen Namen?"

"Im Namen Gottes und im Namen des Zaren von Mordwina - Kiew, dem Gründer unseres heiligen Reiches, der einem Leben in Sünde und Ausschweifung entsagte...und dessen Nachfolger ebenfalls nach dieser Richtlinie zu leben haben."

Der Fahle hielt inne. Sein Herz hämmerte wild. "Und der den Mantel anlegte und unser Reich verteidigte, gegen den Feind und gegen seine Intrigen."

"Bist du bereit, den Mantel zu nehmen, wohl wissend, dass du damit die Verantwortung für viele Menschleben übernimmst, um ein treuer, demütiger Diener des Zaren und Diener Gottes zu werden?"


Nachdem der Fahle dies bejaht hatte, nahm der Geistliche einen irdenen Topf vom Altar und gab den Inhalt behutsam in ein goldenes Weihrauchfass. Ein würziger Duft verbreitete sich im Raum, als eine kleine Rauchwolke von dem Gefäß aufstieg. Der Priester wich leise hüstelnd einen Schritt zurück, die beiden hinter ihm wartenden Ritter traten vor.

Einer der beiden zog ein Schwert aus der Scheide und deutete damit auf den blassen Aglio von Saransk.
"Bruder, du fragst nach einer großen Sache. Du kennst nicht nur die äußere Erscheinung unseres Volkes, auch die harten Gebote, die dahinter stehen, hast du schon befolgt in früheren Zeiten. Du, der du dein eigener Herr bist, weißt was es heißt zu dienen, dich zum Leibeigenen anderer zu machen, denn nur mit großen Schwierigkeiten wirst du jemals tun können, was du wünschst. Wenn du in einem Land diesseits des Meeres verweilen willst, wird man dich auf die andere Seite schicken; wenn du essen willst, wirst du hungrig bleiben müssen; wenn du schlafen willst, wirst du geweckt werden.
Gelobst du trotzdem dich all diesen Geboten zu unterwerfen, zum Ruhme Mordwinas und zum Ruhme Gottes?"


"Ich gelobe es", erwiderte der Fahle leise.

"Dann bewahrheite jetzt wahrheitsgemäß unsere Fragen."

Die Ritter kehrten zu ihren Plätzen zurück, und der Priester begann, aus dem Buch vorzulesen. Seine Worte hallten von den Wänden die den Altar umgaben wider.

"Bist du ein wahrhaftiger Anhänger des christlichen Glaubens und der Lehre der Kirche Roms?


Widerwillig nickte der hässliche Mordwine, denn er musste lügen. Aber nur wenn er die Zeremonie überstand würde man ihn als Sowetnik des Zarenreiches akzeptieren.

"Bist du der Sohn eines Ritters, und wurdest du ehelich geboren?"

Wieder musste er lügen um mit der Zeremonie fortzufahren.

"Bist du gesund an deinem Leibe und leidest an keiner verborgenen Krankheit, die dich daran hindert, dem Reich mit all deiner Kraft zu dienen?"


Auf diese Frage gab Aglio von Saransk eine klare, deutliche Antwort. Endlich neigte der Priester seinen Kopf. "Nun gut, so sei es."
Er reichte das Buch einem der anderen Geistlichen, der damit auf den Fahlen zutrat und es ihm hinhielt.


Kalt wie eisiger Stahl, in seinem Herzen auf ewig Mordwine
 
Letzte Änderung: 2010/08/23 09:06 von Leicholf Kaltherz.
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Leicholf Kaltherz

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Re:Die Festung der Ritterlichkeit      23.08.2010 22:07:44 --- 1 Jahr, 5 Monate her  
"Blicke auf die Regeln des Volkes, aufgestellt von den Altvorderen, deren Geist in uns weiterlebt", intonierte er.

"Schwöre, dich an die hier niedergeschriebenen Gebote zu halten. Schwöre, dem Zar stets treu zu dienen und widerspruchslos jeden Befehl auszuführen, der dir erteilt wird, vorausgesetzt dieser Befehl kommt direkt vom Zaren."

Der Fahle blickte auf.

"Vergiss nie, dass deine Loyalität von nun an nur deinem Zaren gilt, denn das Band, das dich fortan mit ihm verbindet, ist dicker als Blut. Schwöre, dass du dich mit Leib und Seele unserem Kampf gegen die Andersgläubigen verschreibst und alle Festungen und Gotteshäuser der katholischen Kirche gegen unsere Feinde verteidigst. Und zuletzt schwöre, das Volk nie zu verlassen, denn der heilige Eid, den du nun leistest, bindet dich vor den Angesicht Gottes auf ewig an uns.
"


Aglio von Saransk legte eine Hand auf das Buch und schwor mit fester Stimme, sich an all die ihm auferlegten Gebote zu halten. Der Geistliche stieg die Stufen zum Altar hinauf, legte das ledergebundene Buch darauf und zog sich wieder zurück. Der Priester griff beinahe ehrfürchtig nach einem kleinen schwarzen, mit Goldintarsien verzierten Kästchen, klappte den Deckel auf und entnahm ihm eine Kristallphiole, in der sich das Kerzenlicht fing.

"Blicke auf dieses heilige Artefakt. Es beinhaltet das Blut Christi", mumelte er. "Drei Tropfen davon sind in diesem Gefäß eingeschlossen. Unsere Vorderen haben es selbst bei ihrem Beutezug nach Jerusalem, aus den Händen der Muselmanen gerettet. Blicke darauf, gehe in dich und triff dann deine Entscheidung."

Ein Raunen ging durch die Menge. Der hässliche Mordwine erschauerte.
Von diesem Teil der Zeremonie hatte ihm niemand etwas gesagt.

"Ich frage dich nun zum letzten Mal. Bist du bereit, deine Aufgabe zu übernehmen?"

"Ich bin bereit."

"Dann neige dein Haupt vor diesem Altar und erflehe den Segen von Gott unserem Herrn, der Jungfrau Maria und allen Heiligen."


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Letzte Änderung: 2010/08/23 22:13 von Leicholf Kaltherz.
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Leicholf Kaltherz

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Re:Die Festung der Ritterlichkeit      24.08.2010 08:16:27 --- 1 Jahr, 5 Monate her  
Leicholf Kaltherz verfolgte, die Wange gegen die Mauer gepresst, wie sich sein Vater zu Boden warf und die Arme ausbreitete, sodass sie dem Kreuze über dem Altar glichen. Leicholf, der groß für seine dreizehn Jahre war, spürte, wie seine Beine allmählich taub wurden. Er hockte zusammangekrümmt vor einem Ritz in der Wand, die den Altarraum und den Lagerraum trennte, in dem die Küchenvorräte aufbewahrt wurden, und spähte angestrengt in das Halbdunkel.
Ein muffiger Gestank nach Mäusekot und schimmeligem Getreide hing in der Luft. Die zwei großen Säcke, zwischen die er sich gequetscht hatte, boten nur dürftigen Schutz vor der Kälte, die dem Steinboden einströmte, und vor möglicher Entdeckung.

"Hast du jetzt genug gesehen?"

Leicholf löste die Wange von der Wand und sah den stämmigen Jungen an, der gegen einen Sack Mehl gelehnt hinter ihm kauerte.

"Wieso fragst du? Sollen wir die Plätze tauschen?"

"Nein", knurrte der andere, seine Beine massierend. "Ich will endlich hier weg."

Leicholf schüttelte den Kopf. "Du willst dir diese Gelegenheit entgehen lassen? Noch nicht einmal..."
Er brach ab, runzelte die Stirn und suchte fieberhaft nach einem überzeugenden Beispiel.

"Noch nicht einmal der hohe Adel des Reiches ist jemals Zeuge einer solchen Aufnahmezeremonie geworden. Sie ist das am besten gehütete Geheimnis Mordwinas, Dodo!"

"Ein Geheimnis, ganz recht." Dodo schnalzte mit der Zunge. "Und dafür gibt es mit Sicherheit einen guten Grund. Niemand darf davon wissen. Nur Zar und seine Berater, sowie die Priester der Kathedrale wissen davon."

Leicholf, der Sohn des Aglio von Saransk, verdrehte die Augen. "Dann geh doch. Wir sehen uns später."

"Ja durch Gitterstäbe eines Verlieses vermutlich. Hör halt ein einziges Mal auf einen Älteren!"

"Auf einen Älteren?", höhnte Leicholf. "Du bist doch gerade ein Jahr älter als ich."

"Aber zwanzig Jahre vernünftiger." Dodo tippte sich gegen die Stirn, dann verschränkte er seufzend die Arme vor der Brust.

"Nein ich bleibe. Irgendjemand muss ja auch dich aufpassen."


Wieder spähte Leicholf Kaltherz durch den Ritz. Der Priester stieg gerade mit einem Schwert in den Händen von dem Podest herunter, der barbrüstige Aglio von Saransk erhob sich, hielt aber den Kopf gesenkt.


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Letzte Änderung: 2010/08/24 08:21 von Leicholf Kaltherz.
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Re:Die Festung der Ritterlichkeit      24.08.2010 23:25:01 --- 1 Jahr, 5 Monate her  
Leicholf Kaltherz hatte sich in seinem Geiste schon unzählige Male ausgemalt, wie er selbst dieses Schwert in Empfang nahm und es in die Scheide an seinem Gürtel schob, aber am lebhaftesten hatte er sich immer vorgestellt, wie die Hand seines Vaters fest auf seiner Schulter ruhte, während er in die Gemeinschaft der mordwinischen Ritterschaft aufgenommen und in den weißen Mantel gekleidet wurde, das Symbol dafür, dass er von all seinen Sünden gereinigt war.

"Ich habe gehört, dass sie Bogenschützen auf den Dächern positionieren, wenn diese Zeremonie stattfindet"
, fuhr Dodo fort; dabei schlug er mit der Faust gegen eine Ausbeulung in dem Sack, die sich in seinen Rücken gebohrt hatte.

"Wenn sie uns erwischen, erschießen sie uns wahrscheinlich."
Leicholf gab keine Antwort.
Dodo grunzte unwillig. "Oder sie schließen uns aus." Wieder hieb er auf den Sack ein. "Oder sie schicken uns sogar nach Sibirien." Bei dieser Vorstellung wurde er blass. Als er vor einigen Jahren nach Mordwina gekommen war, hatte ihm ein älterer Ritter von Sibirien erzählt. Das im Norden Mordwinas gelegene karge Land war berüchtigt, und die Beschreibung des Alten hatte bei Dodo einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

"Nach Sibirien kommen nur Verräter und Mörder"
, murmelte Leicholf, ohne den Blick von dem Priester abzuwenden.

"Und Spione."

Mit einem Ruck flog die Küchentür auf, helles Sonnenlicht erfüllte den Nebenraum und drang durch die Risse in Wand und Tür auch in das Lager. Leicholf duckte sich, Dodo zwängte sich neben ihm zwischen die Säcke, als sich ihnen schwere Schritte näherten. Ein Klirren ertönte, gefolgt von einem unterdrückten Fluch und einem kratzenden Geräusch. Ohne auf Dodo zu achten, der warnend den Kopf schüttelte, kroch Leicholf aus seinem Versteck, schlich zur Tür und blinzelte durch einen Ritz im Holz.

Die Küche war ein langer, rechteckiger, von zwei langen Bankreihen geteilter Raum. In dem riesigen gemauerten Kamin an einem Ende in der Nähe der Türen prasselte ein Feuer.
An den Wänden entlang verliefen mit Schalen, Tiegeln und Krügen vollgestopfte Regale, auf dem Boden stapelten sich Bierfässer und Körbe mit Gemüse, und an den Deckenbalken waren Haken befestigt, an denen Kaninchen, eingesalzene Schweinskeulen und getrocknete Fische hingen.
Vor einer der Bänke stand ein in die braune Tunika eines Dieners gekleideter muskulöser Mann.
Leicholf unterdrückte ein Stöhnen. Er erkannte Anatoli Halsbrecher, den Küchenmeister der Mönche. Anatoli griff nach einem Korb voll Gemüse, stellte ihn auf die Bank und langte dann nach einem Messer.
Leicholf drehte sich um, als Dodo sich aufrichtete und sein zottiger brauner Haarschopf über den Säcken auftauchte. Seine Lippen formten eine stumme Frage.

"Wer ist da?"


Leicholf kauerte sich wieder neben ihm nieder. "Anatoli", flüsterte er.
"Und wie es aussieht, wird er eine Weile hierbleiben."

Dodo verzog das Gesicht. Leicholf nickte zur Tür hinüber. "Wir müssen hier weg."

"Bitte?"

"Wir können nicht den ganzen Tag hier vertrödeln. Ich muss noch Vaters Rüstung polieren."

"Und wie sollen wir an Anatoli vorbeikommen?"

Ohne auf Dodos Einwände zu hören, ging Leicholf zur Tür und öffnete sie.


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Letzte Änderung: 2010/08/24 23:26 von Leicholf Kaltherz.
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Re:Die Festung der Ritterlichkeit      25.08.2010 09:02:55 --- 1 Jahr, 5 Monate her  
Anatoli erstarrte bei seinem Anblick, das Messer, mit dem er handtierte, schien einen Augenblick lang in der Luft zu schweben.
"Gott im Himmel!"
Aber er erholte sich rasch von seinem Schreck, legte das Messer fort, wischte sich die Hände an seiner Tunika ab und blickte über Leicholfs Schulter hinweg zu Dodo, der gerade die Tür des Vorratslagers hinter sich schloss.
"Was habt ihr zwei hier zu suchen?"
"Wir haben ein Geräusch gehört", erklärte Leicholf ruhig, "und da wollten wir nachschauen..."
Anatoli schob ihn unsanft zur Seite und riss die Tür wieder auf. "Du wollstest wohl wieder einmal Vorräte plündern, was?" Er spähte in den dämmrigen Raum, konnte aber nichts
entdecken, was seinen Verdacht bestätigt hätte. "Was war es doch gleich beim letzten Mal? Brotdiebstahl?"
"Kuchen", berichtigte Leicholf. "Und ich habe nicht gestohlen, sondern nur..."
"Und du?" Anatoli wandte sich zu Dodo. "Was hat ein Stallbursche in der Küche verloren?"
Dodo hakte die Daumen in seinen Gürtel, hob die Schultern und scharrte verlegen mit den Füßen.
"Ähm, der Besen ist im Stall zerbrochen", erklärte Leicholf schnell. "Wir wollten uns hier einen ausleihen."
"Und den müsst ihr zu zweit tragen?"
Leicholf starrte ihn nur stumm an.
Anatoli runzelte verdrossen die Stirn. Er diente den Mönchen seit über dreißig Jahren und hasste es, sich von diesen beiden neunmalklugen Bengeln für dumm verkaufen zu lassen, aber er verfügte nicht über die notwendige Autorität, um sie zu einem Geständnis zu zwingen. Sein Blick wanderte vom Lagerraum zu Leicholf Kaltherz, dann stieß er einen ärgerlichen Grunzlaut aus. "Na schön. Nehmt euren Besen und verschwindet."
Er ging zu der Bank zurück und griff wieder nach seinem Messer. "Aber wenn ich euch noch einmal hier erwische, melde ich euch dem Klostervorsteher."
Leicholf lief durch die Küche, nahm einen Besen von der Wand neben der Feuerstelle uns rannte damit nach draußen. Dort blinzelte er, weil ihn die Sonne blendete und grinste, als Dodo hinter ihm ins Freie trat. "Hier."
"Wie nett von dir", knurrte Dodo, als Leicholf ihm den Besen reichte.
"Ich hoffe, deine Neugier ist jetzt befriedigt. Wenn uns einer der Ritter ertappt hätte..."
Er sog scharf den Atem ein.
"Wenn du das nächste Mal jemanden brauchst, der für dich Wache steht, mache ich mich auf den Weg ins Heilige Land. Da bin ich sicherer als in deiner Gesellschaft.
Er schüttelte den Kopf, bedachte Leicholf aber dann mit einem breiten Lächeln, wobei er einen abgebrochenen Schneidezahn entblößte, der ihm ein auskeilendes Pferd ausgeschlagen hatte. "Sehen wir uns heute noch? Am Nachmittag findet ein Gottesdienst statt."
Bei der Erwähnung des Nachmittaggottesdienstes rümpfte Leicholf die Nase. Der Morgen war schon fast verstrichen, und er hatte noch nicht einmal eine seiner zahlreichen Arbeiten verrichtet. Der Tag schien nie genug Stunden zu haben, um all die Dinge zu erledigen, die man als Sohn des Aglio von Saransk von ihm erwartete...


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Letzte Änderung: 2010/08/25 09:04 von Leicholf Kaltherz.
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Leicholf Kaltherz

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Re:Die Festung der Ritterlichkeit      25.08.2010 09:47:59 --- 1 Jahr, 5 Monate her  
Die Burg des Fahlen war erfüllt von den zarten Klängen festlicher Musik, die zugleich eindringlich und beruhigend wirkte. Die sechs barfüßigen Musikantinnen, deren lange weiße Gewänder so geschnitten waren, dass sie nur eine Brust bedeckten, standen ein wenig abseits von den Gästen, die der hässliche Mordwine an diesem Abend in sein Haus geladen hatte. Während zwei von ihnen kleine Trommeln schlugen und abwechselnd sangen und tanzten, wurden sie von den anderen vier auf der Lyra, der Laute, der Harfe und der doppelten Rohrflöte begleitet. Der Schein der Fackeln malte helle Lichtreflexe auf den Boden, und die sanfte Musik mischte sich in das auf-und abschwellende Gemurmel der Gespräche.
Assa trug eine kleine Schüssel mit Obst in den Händen und bot den Gästen lächelnd die reifen Früchte an.
Der geflieste Boden unter ihren blosen Füßen war angenehm kühl, und die sanfte Nachtluft auf der nackten Haut wirkte wie eine willkommene Erfrischung. Neben dem Perlenstrang und der Halskette, trug sie nun auch ein Armband, dass eine andere Sklavin ihr für diesen Abend geliehen hatte.
Noch war das konische, mit aromatischen Ölen versetzte Stück Talg, das sie in ihre festliche Frisur eingeflochten hatte, in der kühlen Abendbrise nicht geschmolzen, um ihren Körper in einen zarten Duft zu hüllen.
Zum ersten Mal in ihrem Leben war sich die junge Nordfrau, die der Fahle auf einem Sklavenmarkt für 500 Silberlinge ersteigert hatte, ihrer Nacktheit bewusst. Nie zuvor hatte sie sich wie eine Sklavin gefühlt oder die Kleidungsvorschriften im Hause des Fahlen als Bevormundung empfunden, denn in seiner Obhut war sie wie seine eigene Tochter herangewachsen. Ohne lästige Kleidung herumzulaufen war ihr immer als die natürlichste Sache der Welt erschienen. Der einzige Unterschied zu seinen leiblichen Töchtern bestand darin, dass der hässliche Mordwine sexuelle Ansprüche auf sie erhob.
Er hatte sie für den heutigen Abend wegen ihres schlanken Wuchses und der ebenmäßigen Gesichtszüge ausgewählt, um beim abendlichen Fest den Gästen aufzuwarten. An die damit verbundene Aufmerksamkeit schienen die anderen Mädchen sich schon gewöhnt zu haben. Sie waren ja auch älter und schon geübt darin, sich für ihren Herrn und seine Gäste zur Schau zu stellen.
Für Assa jedoch war dieses erste Mal ein besonderes Ereignis, und die Freude über die Auszeichnung war deutlich an ihrem Lächeln zu lesen. Auch die Gäste, die einmal auf die schlanke Gestalt des Mädchens aufmerksam geworden waren, sahen immer wieder zu ihrem strahlenden Gesicht hinüber und ließen es an Bewunderung für die hübsche Dienerin des Fahlen nicht fehlen.
Und dann war da noch ein junger Gast, der sie länger und eindringlicher betrachtete als die anderen und dessen Freundlichkeit viel weniger oberflächlich zu sein schien...


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Letzte Änderung: 2010/08/25 09:50 von Leicholf Kaltherz.
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Re:Die Festung der Ritterlichkeit      26.08.2010 08:53:24 --- 1 Jahr, 5 Monate her  
Leicholf Kaltherz, der Sohn des Aglio von Saransk, blickte sie geradezu durchdringend an, als sie ihm die Schale mit Früchten anbot. Einige Atemzüge lang hielt er sie mit seinem Blick in Bann, und als er ihn schließlich abwandte, um ihren Körper zu betrachten, spürte sie, wie ihr das Blut in den Kopf stieg. Es war beunruhigend, und irgendwie nahm sie es ihm auch übel. Andererseits...
Was war nur mit ihr? Hatte es vielleicht mit dem zu tun, was die anderen Mädchen ihr über das Beisammensein von Männern und Frauen erzählt hatten? Nachdenklich runzelte sie die Stirn und verzog die Lippen. Da war etwas Neues, ein bisher nicht gekanntes Gefühl, das sie mit einem leichten Schauer zur Kenntnis nahm.

"Möchtet ihr nicht die Feigen kosten, werter Herr? Und ihr werte Dame? Sie riß sich von ihrem Grübeln los. Steh nicht unnütz herum, schalt sie sich, und denk nicht zuviel nach.
Wenig später hatte Assa alle Früchte unter den Gästen verteilt und ging in die Küche, wo Anatoli, der Koch der Mönche, ihr die Schüssel abnahm, um sie erneut mit frischem Obst aufzufüllen.
"Bleib doch einen Moment bei mir", sagte er dann, ging zu einem Tisch im hinteren Teil der Küche und kehrte mit einem juwelenverzierten Trinkgefäß zurück, das sie aus einer Amphore mit Rotwein füllte.
"Hier mein Kind", sagte er. "Dein erstes Glas Wein. Du bist jetzt erwachsen. Trink einen Schluck."
Assa nahm den Becher entgegen, setzte ihn aber noch nicht an die Lippen. Sie blickte den Koch nachdenklich, ja fast ein wenig traurig an. "Erwachsen?" fragte sie. "Ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll. Ich glaube es macht mir ein bißchen Angst." Anatoli lächelte verständnisvoll.

"Ja, ich weiß. Ich kann mich noch gut an das Gefühl erinnern. Du weißt nicht genau, woran du eigentlich bist und ob das, was du neu hinzugewinnst, tatsächlich aufwiegt, was du verlierst. Du mußt mit allen Nachteilen des Erwachsenenlebens zurechtkommen und kennst noch nicht einmal die Vorteile. Trink nur aus meine Liebe!"

Assa hielt noch immer unschlüssig den Becher in der Hand. "Da ist ein Mann, ein junger Mann, und er hat mich so angesehen. Ich meine es war anders als sonst."

"Aha, das ist es also." Der Koch lehnte sich bequem an den Herd. "Es wurde ja langsam Zeit, Mach dir keine Sorgen, meine Kleine. Freue dich einfach darüber. Du wirst nicht immer so hübsch aussehen wie jetzt. Und sorgen musst du dir erst dann machen, wenn dich keiner mehr so ansieht!"

"Es war so, als würde er von mir Besitz ergreifen. Ich weiß nicht was ich gefühlt habe, aber plötzlich wäre ich am liebsten in meine Kammer gelaufen, um mein längstes Gewand anzuziehen und mich ganz zu verhüllen."
Sie hatte ihren Blick auf den Becher mit Wein gerichtet, trank aber immer noch nicht. Unbewußt hatte sie ihre Hand an ihren Busen gelegt. "Aber es war auch ein schönes Gefühl, obwohl es mir Angst gemacht hat."
"Ich glaube die anderen Mädchen kommen im Augenblick ganz gut ohne dich zurecht. Bleib noch eine Weile hier. Nimm den Becher mit hinaus auf die Terrasse und trink in Ruhe aus! Aber verliere mir ja den Becher nicht. Er möge dir gut bekommen mein Kind."
Auf der Terrasse war es kühl. Assa warf einen Blick auf den Teich hinüber, in dessen flachem Wasser sich der blasse Mond spiegelte. Und dann trank sie endlich einen Schluck aus dem Becher, behielt die unbekannte Flüssigkeit eine Weile im Mund und schluckte vorsichtig. Es schmeckte eigentlich gar nicht so schlecht. Sie nahm einen weiteren Schluck und fand langsam Gefallen an dem ungewohnten Getränk.
Plötzlich hörte sie leise Stimmen - ein Mann und eine Frau, die langsam näher kamen. Es war der Hässliche, ihr Herr! Und sie stand herum und trank Wein, statt drinnen ihre Arbeit zu tun.
Mit beiden Händen presste sie den kostbaren Becher an die Brust und versuchte, sich im Schatten einer Säule zu verbergen. Hoffentlich gingen sie nicht hier entlang.


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Letzte Änderung: 2010/08/26 08:54 von Leicholf Kaltherz.
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Alex Svoboda

Mordwinen
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Re:Die Festung der Ritterlichkeit      26.08.2010 17:45:35 --- 1 Jahr, 5 Monate her  
Zwei in dicke Mäntel gehüllte Gestalten näherten sich dem Burgportal, welches eigentlich für die Dienerschaft gedacht war. Sie sahen nicht sehr beeindruckend aus, als sie gegen den Wind gestemmt gegen das feste Eichenholz trommelten. Eben nur zwei Männer, denen kalt war. Eine ganze Weile dauerte es, bis jemand auf den Lärm reagierte. Eine kleine Luke öffnete sich halb und ein von einem Vollbart umrandetes Gesicht spähte auf die zwei Kapuzen vor sich.

“Was iss??“ tönte die Stimme gegen den Wind, der seinerseits versuchte die Worte wegzutragen.
“Wir erbitten Einlass.“ antwortete einer der Kapuzen.
“HÄ?“ rief der Bart, ob er nicht verstand oder nicht verstehen wollte war nicht auszumachen
“Wir erbitten Einlass!!“ rief die gleiche Kapuze, diesmal lauter und noch bevor der Bart seine Wortgewalt erneuern konnte kam die zweite Kapuze dagegen:
“Lass uns rein.“ rief diese laut, befehlsgewohnt und ohne Widerspruch zuzulassen.
Der Bart starrte und seine Hirnwindungen versuchten zwei entgegengesetzte Impulse gleichzeitig zu verarbeiten. Dann entschied er sich für eine Richtung:
“Ihr könntet Spione sein. Byzantiner. Oder Petschenegen.“.
“Das wäre zu einfach!“ behauptete die zweite Kapuze. Aber der Bart hielt stand.
“Ihr könntet mich für blöd halten und es trotzdem versuchen!“
Die Beiden Kapuzen sahen sich an. Dann enthüllte die Zweite Kapuze was unter ihr lag, was erst zu einem verwirrten Blinzeln, dann zu einem Paar vor schrecken geweiteten Augen mündete.
“Eure Exzellenz! Verzeiht…. Ich wusste doch nicht…“ Der Bart war völlig erstarrt und das raue Gesicht darunter bleich geworden, doch sonst geschah nichts weiter.
“Na dann mach halt auf!“ rief die erste Kapuze, während sich die zweite wieder verhüllte.
“Wir frieren uns ja den Arsch ab hier!“

Einmal drinnen in der Burg wurden die dicken Mäntel abgelegt, darunter kamen zwei Männer zum Vorschein, einer in Stahl, Schwert und mordwinischem Wappenrock eines Ritters, der andere in Leder gekleidet. Wären Friedhelm und sein Sekretär Floriens nicht schon öfter in Aglios Behausung gewesen, so hätte man sie für einen einfachen Kämpfer und seinen Knappen halten können. Zugegeben ein ziemlich alter Kämpfer und ein ziemlich alter Knappe. Der Bart hingegen wollte sich erst wieder von den Knien erheben, nachdem man ihm Absolution erteilt hatte. Fürchtete er doch um sein Seelenheil. Aber diese wurde augenrollend gewährt und so wurden die beiden Männer zum Hausherrn geführt, der irgendwo sicherlich einer Fleischeslust nachging, wie Friedhelm vermutete.


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Nedor

Sizilien
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Re:Die Festung der Ritterlichkeit      26.08.2010 19:11:03 --- 1 Jahr, 5 Monate her  
Endlich angekommen! Valerian lief mit offenem Mund durch die Räume - hier sah es anders aus, als im kleinen Kiew! Ich ließ mich in einen der üppig gepolsterten Sessel fallen und blickte mich um. Wir hatten prunkvolle Gemächer erhalten, welche den Herrschern Kiews vorbehalten war, so hatte es der mordwinische Kämmerer erklärt, nachdem ich ihn mit Mühe davon abgehalten hatte, uns gleich den ganzen Palast zu zeigen. Mein Gefolge war ebenfalls in komfortablen Räumlichkeiten untergebracht und ich freute mich auf einen erholsamen Abend. Die kommenden Tage würden anstrengend werden, sowohl auf dem Turnierplatz wie auch in den Beratungen.
Mein Kämmerer kam herein. »Mein Herr ...«
»Was ist denn nun schon wieder?«
»Mein Herr, ich habe eine Nachricht für euch, ähm, besser gesagt eine Einladung ...«
Ich half dem Mann mit einer ungeduldigen Handbewegung auf die Sprünge.
»Eine Einladung zu einer Feier - der Herr von Saransk lädt euch zu seiner Feier ein. Er hat ...«
»Welche Feier? Das Turnier hat doch noch nicht mal angefangen!«
»Er hat - ich meine, der Bote hat etwas von einer Zeremonie gesagt und viele Edelleute des Reiches sind eingeladen ...«
Na toll, ich wusste also nicht einmal, zu was ich eigentlich eingeladen war. Kaum angekommen, schon ging der Tanz los. Alle Adligen und hohen Beamte Mordwinas würden mich kennen lernen wollen. Der Kriegsminister Mordwinas war einer der bedeutendsten Führer des Zarenreiches und ein alter Fuchs, nach allem, was man so hörte. Hoffentlich ging das Ränkeschmieden und Kriegszüge planen nicht heute schon los.
»Georgij! Wo ist der alte Scherenritter nur?«
»Er ist schon gegangen.« Mein Kämmerer neigte entschuldigend den Kopf. »Da für heute Abend eigentlich keine Feierlichkeit geplant war. Ich bringe sofort eure Festgarderobe.«
»Und Valerian kommt auch mit!«
Mein Knappe blickte auf, als er seinen Namen hörte, ich winkte ihn herbei. »Und wie seh' ich aus?« Ich blickte in einen der zahlreichen Spiegel und schüttelte den Kopf. »Unmöglich!« Ich fuhr mir mit den Fingern durch die Haare, was auch nichts verbesserte. So würde ich gleich zum Gespött des ganzen Hofes werden. Valerian bemühte sich, meine Haare zu glätten, dann brachte der Kämmerer meine Kleider und außerdem einen federgeschmückten Hut. »Den könnt ihr aufsetzen, mein Herr, dann ...«
Ich probierte den Hut - besser als ohne Kopfbedeckung war das allemal.
Als wir fertig angekleidet waren, brachte uns ein Diener zu dem wartenden Boten, der uns zum Domizil des Kriegsministers führte. Ich war nicht wenig erstaunt, als wir vor der Burg standen. Hatte hier jeder hohe Adlige eine eigene Burg in der Hauptstadt? Der Bote kündigte uns an und das Tor öffnete sich. Wärme umfing uns, als wir die raue Winternacht hinter uns ließen und die Eingangshalle betraten.


Söldner Siziliens

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Leicholf Kaltherz

Susdaler Rus
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Re:Die Festung der Ritterlichkeit      26.08.2010 23:57:09 --- 1 Jahr, 5 Monate her  
"Ich wollte unbedingt in Ruhe mit dir sprechen", hörte Assa die ein wenig zittrige Stimme des hässlichen Mordwinen. "Es gibt da einige Pläne, in die ich dich einweihen möchte."
"Ja, mein Gebieter?" antwortete die Hausverwalterin Hagar vorsichtig.
"Nun ja, meine Liebe, du weißt, ich kann auf ein langes und in vielerlei Hinsicht glückliches Leben zurückblicken. Und wie du auch weißt war das nicht immer so."
"Ich weiß wohl, mein Gebieter!"
"Mein Vater hat mich nicht nur erzogen und mich die Kunst des Schreibens erlernen lassen, der ich all meinen Besitz verdanke. Er hat mich vor allem gelehrt, die Menschen zu achten, ganz gleich, welchen Standes sie sind. Von ihm habe ich gelernt, dass ein Mensch, der sich als Sklave fühlt, niemals so hart dich arbeiten wird wie einer, der als angesehener und respektierter Diener in deinem Hause wohnt."
"Mein Gebieter", sagte Hagar mit unverhohlener Zuneigung. "Ihr habt mich nur selten, wenn überhaupt spüren lassen, dass ich eine Dienerin bin."
"Ich danke dir mein Kind." Auch der alte fahle Mann sprach nun in sanfterem Tonfall. "Ich habe für dich und die Sklavin Assa einen Freilassungsbrief verfasst, der es euch ermöglichen wird, ein normales Leben in Mordwina zu führen. Noch heute Abend auf meinem Fest werde ich bekannt geben, dass ihr aus dem Sklavenstand befreit werden sollt. Bereits Anfang der nächsten Woche wird man die entsprechenden Urkunden ausfertigen."
"Mein Gebieter!"

Im Dunkeln hinter ihnen hielt auch Assa überrascht die Luft an und hätte beinahe den juwelenverzierten Becher fallen gelassen. Sollte sie wirklich aus der Sklaverei entlassen werden?

"Ja mein liebes Kind!" fuhr der Fahle geduldig fort, "ihr sollt die Freiheit erhalten. Ich glaube, dass wird euch erfreuen; damit ihr weiterhin versorgt seid, habe ich auch schon eine Idee. Ihr beide seid jung und in einem Alter in dem ihr euch einen Mann suchen solltet. So weiß ich, dass Leicholf, mein eigen Fleisch und Blut sich in Assa verguckt hat. Es würde Beständigkeit in sein Leben bringen, wenn auch sie ihn lieben könnte. Vielleicht könntest du mich dabei beraten, wie wir es anstellen können die beiden zu vereinen."

"Nun ich weiß auch nicht mein Gebieter, sie wird ihn schon von sich aus lieben müssen. Doch wenn er sie wie heute Abend die ganze Zeit nur anstarrt ohne ein Wort zu sagen, so wird es schwer werden sie nach ihrer Freilassung an ihn zu binden."

Der Fahle kratzte sich am Hinterkopf. "Du hast Recht Hagar! Aber nun zu dir. In vieler Hinsicht hast du mir als vorbildliche Hausverwalterin gedient. Wäre ich noch jünger an Jahren, hätte ich dich ohne Zögern zu meiner rechtmäßigen Ehefrau gemacht. Du weißt von meinen Weibergeschichten, die ich neben Axana unterhalte. Unsere Ehe ist ein schlechter Scherz. Statt hier bei mir zu sein, zieht dieses wilde Ding lieber mit den anderen in den Krieg, obwohl der letzte gerade erst vorüber ist. Ich hörte sie sei schwanger. Doch frage ich mich wirklich ob das Kind überhaupt von mir sein kann, so selten wie ich sie in den letzten Monaten gesehen habe."

"Oh mein Gebieter! Ihr ehrt mich mit euren Worten."

"Lass nur", antwortete der Fahle und fuhr dann fort: "Meine liebe Hagar, ich werde dir nicht nur die Freiheit schenken, sondern dich auch zur Besitzerin meines kleinen Anwesens in meiner ehemaligen Grafschaft Saransk machen. Auch die Pachtverträge des 2 Tagesreisen umfassenden, fruchtbaren Landes um das Anwesen herum werde ich dir überschreiben. Du wirst bereits in weniger als einer Woche zu den wohlhabensten Frauen im ganzen Reich gehören." In weniger ernsten, ja beinahe scherzhaftem Ton sprach er weiter: "Natürlich hatte ich zunächst daran gedacht auch dir einen Ehemann auswählen zu müssen, aber als reiche Gutsherrin mit deinem beachtlichen Besitz hast du die Möglichkeit, dir selbst in aller Ruhe einen Gatten zu suchen. Deine Schönheit und die Besitztümer, die ich dir schenke, werden schon dafür sorgen, dass alle heiratsfähigen Männer zu dir reisen werden, um sich um deine Gunst zu bewerben."

Sein Tonfall wurde wieder ernst. "Aber, aber! Was ist denn? Ich dachte, ich würde dir eine große Freude bereiten?"

Mit vor Aufregung wild klopfendem Herzen hörte Assa in ihrem Versteck Hagars tränenerstickte Antwort.

"Mein Gebieter, ich habe ja nicht geahnt...nie hätte ich mir träumen lassen..."
"Aber nicht doch", war die ruhige, freundliche Stimme des Fahlen wieder zu vernehmen. "Ich verstehe dich ja...ja ich verstehe deine Gefühle. Aber du tätest besser daran dich an die neuen Umstände zu gewöhnen. Schau nur, dein Gesicht ist ja ganz verweint. Das mußt du in Ordnung bringen, denn wir dürfen unsere Gäste nicht länger warten lassen."

Aglio von Saransk ging zurück in den vom Kaminfeuer beheizten Saal, in dem mittlerweile neue Gäste angekommen waren.

Aus Angst entdeckt zu werden hatte Assa während des ganzen Gesprächs kaum zu atmen gewagt und mußte, als der Hässliche endlich durch die große Tür wieder zu seinen Gästen zurückgekehrt war, erst einmal tief Lust holen. Ihre Wangen glühten vor Aufregung, und die lehnte sich an die kalte Marmorwand und versuchte, die Neuigkeiten zu begreifen.
Aus der Sklaverei befreit! Und Pläne für eine Hochzeit gab es auch! Sie konnte es kaum fassen. So vieles sollte sich nun verändern! In die Freiheit entlassen! Und das schon in wenigen Tagen!
Sie blickte auf und vor ihr stand Hagar, in der so typischen aufrechten Haltung. In dem schwachen Licht des Mondes waren ihre Gesichtszüge unter dem kunstvollen Stirnschmuck nur schemenhaft zu erkennen.
"Assa! Ich habe mir gleich gedacht, dass du es bist."
"Verzeiht, Herrin, ich wollte..."
"Ach lass nur. Ich bin sicher, dass du nicht absichtlich hierhergekommen bist, um zu lauschen. Hast du denn die wunderbaren Neuigkeiten mithören können?"
"Oh ja", erwiderte das Mädchen mit einem Schritt nach vorn. "Ist es wirklich wahr?"
"Es ist ihm sicher ernst mit seinen Absichten. Komm und hilf mir, mich wieder zurechtzumachen, ja? Ich bin mindestens genauso aufgeregt wie du. Ich wußte zwar, dass er mich in seinem Testament berücksichtigen wollte, aber darauf hätte ich ja noch einige Jahre warten müssen!"

Hagar fasste den Arm des Mädchens, und gemeinsam gingen sie schnell hinüber in die Frauengemächer. Assa wäre am liebsten den Rest des Abends vor dem großen Spiegel in Hagars Zimmer sitzen geblieben, um sich über ihrer beider Zukunft zu unterhalten, aber die Verwalterin mahnte zur Eile.
Schließlich war das Fest in vollem Gange, und sie hatten beide Pflichten, die sie nicht vernachlässigen durften.

Als sie den großen Saal kamen, hatten sich alle Gäste versammelt. Mit einem freudestrahlenden Lächeln auf seinem vom Alter zerfurchten Gesicht, begann der Fahle in bedächtigem Tonfall die Neuigkeiten vorzutragen.

"Viele Jahre hatte ich das Glück, drei großen Zaren dienen zu dürfen. Ich kann auf ein angenehmes und erfolgreiches Leben zurückblicken, und nun, da ich älter werde und mich ganz langsam auf meine letzte Reise vorbereite, sehe ich mich umgeben von Menschen, die mir all die Jahre lieb und teuer geworden sind. Und das Schicksal hat mich so reich beschenkt, dass es mühsam werden wird, all meinen Besitz zu verteilen, selbst wenn man bedenkt, dass ich bald fünf Kinder haben werde."

"Aber mein General!"

Bei der Erwähnung des Todes hatte einer der umstehenden Ritter seinen Herrn aufgeregt unterbrochen. Der fahle Mordwine hob eine Hand zur Beschwichtigung.

"Macht euch keine unnötigen Sorgen! Für jeden von uns kommt einmal die Zeit, und wir sollten den Tod mit der gleichen Freude umarmen, mit der wir das Leben umarmt haben. Ich bin fest entschlossen, so zu sterben, wie ich gelebt habe, als glücklicher Mann! Und was könnte mich glücklicher machen, als die Segnungen meines Lebens mit denjenigen zu teilen, die ich liebe?"

Er hielt einen Augenblick inne, um die aufmerksamen Gesichter um sich herum zu betrachten. "Und so", fuhr er dann ohne Eile fort, "habe ich die große Freude, euch mitzuteilen, dass auf meinen Befehl hin im Laufe der nächsten Woche allen Sklaven in meinem Dienste die Freiheit geschenkt werden soll."

Der Aufruhr, den diese Nachricht auslöste, war nur von kurzer Dauer. Aglio senkte die beschwichtigend erhobene Hand.

"Hört erst einmal an, was ich euch sonst noch mitzuteilen habe. Dann könnt ihr alles in Ruhe besprechen. Wie ich schon sagte, werde ich alle Sklaven aus meinem Besitz freilassen. Darüber hinaus werde ich Besitztümer verteilen, so dass alle, die sich über die Jahre mein Vertrauen erworben haben, gut versorgt sind.
Meine teure Hagar weiß bereits, welche Güter in ihren Besitz übergehen, sobald die kaiserlichen Schreiber die entsprechenden Urkunden ausgefertigt haben. Nun aber lasst uns diesen Moment genießen und feiern, denn wer weiß wie lange es mir noch vergönnt sein wird unter euch zu weilen."

Der Fahle holte sich einen großen Krug mit Wein und wanderte umher um seine Gäste persönlich zu begrüßen.


Kalt wie eisiger Stahl, in seinem Herzen auf ewig Mordwine
 
Letzte Änderung: 2010/08/27 00:04 von Leicholf Kaltherz.
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