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In Nordyjlland trägt ein Pferd seinen alten Herrn durch die eisige Kälte des nordischen Winters. Vor wenigen Wochen war dies noch sein Herrschaftsgebiet, und die Bewohner hatte er stets gut behandelt.
Mit schaudern gleitet der Blick des alten Kriegers aus traurigen Augen über die Weite des flachen Landes. Verbrannte Höfe säumen den Weg.
Der Körper des alten Kriegers ist von Narben aus zurückliegenden Schlachten übersäät. Viele Männer hatte er in den Tod geschickt, damals, als er noch jung war.
Das Heer macht halt in einem verlassenen Dorf. Dies war einst das Gehöft von Kilgar dem Kühnen, ehe die Franken und Bretonen plündernd und brandschatzend in Nordyjlland eingefallen sind. Kilgar, einst ein stolzer Dänenkrieger der jüngeren Generation. Die mordenden Vagabunden hatten keinen Stein auf dem anderen gelassen und das Dorf völlig geschliffen.
Wie würde es wohl in den anderen Dörfern aussehen?
Der Krieger steigt von seinem Pferd, sein Blick schweift in die Ferne. Dort, am Horizont, dort muss sein alter Jarlshof sein. Ob er noch steht, ob sie die Bewohner verschont haben? Seine sieben jährige Tochter Venja...
Er hatte sie im Stich gelassen, war auf hoher See als die marodierenden Räuber einfielen. Viele seiner Gefolgsleute waren in Gefangenschaft geraten, soviel hat man ihm berichten können. Auch mächtige dänische Jarle und Thane waren in Gefangenschaft geraten im Kampf um sein Herrschaftsgebiet. Und er selbst... er war auf See als es geschah, konnte nicht in die fürchterliche Schlacht eingreifen als seine Brüder und Schwestern versuchten sein altes Herrschaftsgebiet zu schützen.
Sein Blick gleitet zurück zum Heerlager. Die jungen Burschen erinnern ihn an seine jungen Tage. Sie sind ohne Führung, aber ihre Herzen sind die von Kriegern und durch ihre Adern fliesst das Blut des Nordens. Selbst im Auge der Gefahr sitzen sie fröhlich gröhlend und unbekümmert an den Lagerfeuern und feiern. Sie haben nichts zu verlieren, können nur gewinnen. Sollten sie in der Schlacht fallen, so ist Walhall ihnen sicher, denn sie sind allesamt mutig, tapfer und tollkühn. Heimdall wird sie bereits beobachten. Fast melancholisch wird er bei dem Anblick der jungen Krieger, denn er zählt nichtmehr zu den jungen, kommt sich alt und unnütz vor. Er erinnert sich traurig an die alten Tage, als er mit seinen Kameraden an den Feuern saß, mit großen Kriegern von denen einige bereits in Walhall mit Wotan um die Wette saufen. Thorhall, den kürzlich verstorbenen Beowulf, Raskarik, und viele andere. Auch sein Leibwächter Hakon weilt nun an Odins Tafel, denn er verlor sein Leben im Kampf gegen die marodierenden Räuber, als er versuchte Venja zu schützen.
Sveigir, so heisst der Krieger, Sveigir Sohn des Fjölvar. Sein Gesicht trägt tiefe Falten als Zeichen seines Lebensalters und dem rauhen Leben in Feldlagern und auf den Schiffen. Sein schweres Kettenhemd liegt über seinen breiten Schultern, darüber ein einfacher dicker Lodenumhang. Denn in seinem Alter, da beginnt er nachts zu frieren, wenn sein Kettenhemd auskühlt. Seine alte Abgedroschenheit und Härte scheint verflogen oder zumindest zu schlafen, wie so vieles bei ihm.
Seine Augen haben die alten Feuer verloren, die Feuer, die einst erfahrene Krieger erzittern liessen. Damals, als er in der Blüte seiner Jahre stand, da war er ein Fels in der Schlachtreihe, mähte Feinde nieder, wie andere Weizen ernten. Und nun... sein Blick gleitet auf seine Hände. Auch sie sind nichtmehr so beweglich wie einst, können nichtmehr so gezielt und geschwind die Axt führen, wie es ihm damals möglich war. Würde er jemals wieder seinen Jarlshof betreten können, würde er die Räuber vertreiben können mit Hilfe der jungen Krieger an den Feuern? Und vorallem: Würde er seine Tochter Venja wieder sehen? Würde einer der Hunde aus dem Westen ihr auch nur ein Häärchen gekrümmt haben, so wird er diesen Kerl finden und seine Sippe auslöschen, das hat er vor den Männern geschworen.
Schwerfällig lässt er sich auf einem kleinen Mauervorsprung nieder, und schüttelt den Kopf... in seinem Alter denkt er sich. Vor wenigen Monaten hat er noch geheiratet, im Vollrausch... eine fränkische Freifrau die er noch nie gesehen hat. Welch eine Tat, im Krieg zu heiraten, und dann noch in die Reihen des Erzfeindes. Wenn dieser Krieg vorbei ist und er seine Rechnungen beglichen hat, dann wird er sie zu sich holen. Denn ein Nordmann steht zu seinem Wort, auch wenn er es aus der Ferne gab und das aus Gründen, die seinen Verstand übersteigen. Er hat zwar erfahren, dass sie eine sanfte, wohlgeformte Frau aus gutem Hause sei, aber bisher hat er sich immer persönlich davon überzeugt, ehe er irgendwo einwilligte. Es muss am Alkohol gelegen haben, am nordischen Met. Und an seinem Alter... setzt womöglich schon der Altersschwachsinn ein?
Sein Herz hüpft ein wenig. Wenn die Nornen ihn haben heiraten lassen im hohen Alter, dann würden sie mit ihm noch andere Dinge vorhaben und er wird genug Zeit haben die Rechnungen zu begleichen. Ja, das würde er. Sein Lebensgefühl kehrt ein wenig zurück, kurz flackert in seinen Augen ein kleines Feuer auf, ehe es wieder verschwindet. Ja, er würde leben und er würde seine Tochter finden...
Auf seine Axt gestützt erhebt er sich von dem Mauervorsprung und begibt sich zu den jungen Kriegern ans Feuer, mit ihnen ein paar Hörner leerend, ehe er erschöpft in einen tiefen Schlaf fällt. Wovon träumt er, der alte Krieger, von alten vergangenen Tagen... oder von der Zukunft?....
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