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~*~ Leben ist, was einem begegnet, während man auf seine Träume wartet. ~*~
Verfasser unbekannt
Anno 1045
Erst seit Kurzem verwaltet Svana das Lehen Nybro in Småland, der Grafschaft von Lawinia. Nun schlendert sie durch das noch sehr kleine Dorf. Ein Fischer mit seiner Familie siedelte sich bereits an neben einen Bauern mit Familie, der das Feld bestellt. Sie ist zufrieden, sehen doch die Hütten beschaulich, sauber und gepflegt aus. Die zwei kleinen Kinder vom Fischer spielen friedlich miteinander auf der Straße. Svana lächelt in sich hin und atmet tief durch.
Sie geht weiter die Straße zum Fluss entlang, der an Nybro vorbeifließt. Der Fluss trägt einen hübschen Namen: Lindåsabäcken. Und unweit von hier gibt einen See, der Linnéasjön genannt wird. Svana ist häufig auf Erkundungstour, um ihr Lehen besser kennenzulernen.
Am Fluss angelangt setzt sie sich dort nieder. Die Sonne steht noch nicht sehr hoch am Himmel und die Luft ist frisch, doch das würde sich bald ändern. Der Fluss rauscht an Svana vorbei und glitzert einladend zum Baden. Doch sie schaut wehmütig das Wasser an. Oft stellt sie sich die Frage: Was wäre, wenn ihre Eltern nicht das Leben einst im Unwetter ließen. Sie kann sich nur an Erzählungen von anderen ihre Eltern erinnern. Das ist nicht viel.
Sie weiß nur, dass ihre Mutter sehr hübsch gewesen sein soll, sie den Namen Yrr Oddsdottir trug und eine hervorragende Weberin war und sich gut mit Kräutern auskannte. Letzteres soll wohl der Grund gewesen sein, weshalb ihr Vater Gunnvaldr Ivarsson sie unbedingt heiraten wollte. Ihr Vater war nach Erzählungen Händler und züchtete nach der Heirat mit Yrr wundervolle Pferde. ‚Er muss weit gereist sein’, denkt Svana über ihn nach. Wie schön es wohl geworden wäre, hätte sie ihn erleben und mit ihm mitreisen können. Doch es sollte nicht sein, dass ihre Eltern ihr Wissen auf sie weiter übertrugen und so fühlt Svana sich meist leer, wenn sie ihrer Eltern gedenkt. Beklagen kann sie sich jedoch nicht, denn sie hatte in dem Dorf, wo sie aufwuchs, nette Leute um sich und sie alle gaben ihr Bestes. Aber sie waren alle kein Elternersatz gewesen. Eine Zeit lang überlegten sogar die Leute, sie fortzuschicken zu ihren Großeltern noch weiter im Norden. Aber niemand wusste, ob diese noch lebten und so behielt man sie als Kind einfach da wo sie war.
Mit einem tiefen Seufzer lehnt sich Svana zurück und lässt sich ins kühle Gras sinken. Ein angenehmes Gefühl wenn man weiß, dass der Tag wieder heiß werden würde. Ihr Blick wandert gegen Himmel und eiligst wandern die Wolken fort. Svana schmunzelt bei dem Gedanken: ‚Nehmt meine Gedanken und meine Grüße mit hinfort. Ich wünsche euch eine gute Reise.’ Svana wurde schläfrig, nichts drängte sie heute und so schließt sie die Augen.
Svana erwacht und hört in der Ferne Stimmen. Eiligst erhebt sie sich und dreht sich um, um zu sehen, was in Nybro gerade passiert. Ein Ritter kommt im kleinen Dorf an und steigt von seinem edlen Ross ab. Neugierig steht Svana auf und geht aufgeregt dem Geschehen entgegen. Als der Fischer bereits in der Ferne sieht, dass Svana herbei kommt, macht er dem Ritter verständlich, dass sie die Herrin des Dorfes ist. Geduldig wartet der Ritter auf ihre Ankunft und grüßt sie freundlich. Er kommt von weit her, denn seine Stimme hat einen fremden Akzent, und bittet um Obdach für die Nacht. Svana ist erstaunt, denn die Sonne steht noch nicht sehr weit am Himmel und der Ritter schafft es locker bis zur nächst größeren Stadt, aber da dies sein Wunsch ist, gewährt sie ihm diesen. Ein wenig Abwechslung ist ihr natürlich auch sehr willkommen.
Svana bedankt sich beim Fischer um seine Fürsorge. Sodann bittet sie dem Ritter ihr zu folgen. Einen großen Komfort für Pferde kann sie noch nicht bieten, aber einen kleinen Unterstand und eine lange Kette zum Grasen. Svana fühlt sich mit einem Mal sehr wohl in der Nähe des Ritters, ein Gefühl der Geborgenheit kommt auf. Schweigend sieht sie ihm dabei zu, wie er sein Ross umsorgt.
Anschließend lädt sie ihn auf einen Met bei sich in der Hütte ein. Dieser nimmt dankend an. Noch wagt es Svana nicht, ihn mit Fragen zu löchern, aber der Met löst alsbald ihre Zunge. Und so geht ein langes, abenteuerliches und unterhaltsames Gespräch los, wo gescherzt, gelacht und gesungen wird bis in die Nacht hinein. Der Ritter hat viel aus fremden Ländern zu erzählen und spricht mitreißend von den Abenteuern, die er dabei erlebte. Es muss wohl das Händlerblut ihres Vaters sein, welches die Worte des Ritters in Svana wie ein Schwamm aufsaugt und Fernweh vermittelt. Gern würde sie mit dem Ritter am nächsten Tag mitreiten und die Welt erkunden. Aber da ist noch so ein Gefühl in seiner Gegenwart dabei, welches sie nicht deuten kann. Ein Gefühl des Wunsches, er möge für immer bleiben …
Der Abschied naht schneller als gewünscht. Schon am Morgen sattelt er das Pferd. Er bedankt sich aufrichtig für die Gastfreundschaft und steigt auf sein edles Tier. „Lebt wohl, Svana Gunnvaldsdottir av Nybro“, sind seine sanften Worte zum Abschied ehe er in einer hellen Nebelwolke entschwindet. Nach und nach nimmt der gleißende Nebel von allem Besitz und entreißt Svana die Wiesen, den Fluss, die Bäume, den Acker, die Menschen, die Hütten, die Straße. Nun ist sie allein und fühlt sich wieder unendlich leer - ehe auch sie der Nebel verschlingt.
Die Sonne steht nun oben im Zenit und blendet Svana. Mit einem seltsamen Gefühl liegt sie nach wie vor auf dem Rücken und blickt gen Himmel. Die Wolken haben es nun weniger eilig. Auch wenn gleich der Ritter aus ihrem Traum weder einen Namen noch ein Gesicht hatte, so kommt er Svana doch sehr vertraut vor. Und sie weiß, als er fort ging, trug er ihr Herz mit sich.
Mit einer Träne im Auge schaut sie weiter zum Himmel auf und lächelt den Wolken entgegen: „So lebt wohl.“
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