... und da lag es inmitten seiner gepflegten Weinberge: Chatel de Montlièvre, Stammsitz des burgundischen Grafengeschlechts gleichen Namens, Geburtsort von Wraths Mutter Marianne. Man konnte das Schloss ohne weiteres auch als Burg bezeichnen, wie es dort auf dem Berg thronte, der ihm seinen Namen gegeben hatte.
Wrath schaute seinen Knappen Jake Harrison auffordernd an – mehr brauchte es nicht, um ihre Pferde zu einem Jagdgalopp anzutreiben. Es schien, als hätten die Tiere auch die nahe Rast und das Futter gespürt, so flogen sie dahin.
Am großen Tor, das am Fuß des Berges Einlass zum gräflichen Anwesen gewährte und das von steinernen Löwen bewacht wurde, hatte Wrath zwei Längen Vorsprung. Er zügelte Dubh Draigon, seinen schwarzen Wallach, und wandte sich zu seinem Knappen um.
„Der Verlierer versorgt die Tiere, der Sieger gibt einen aus!“
Und damit ritten sie gemächlich den gewundenen Burgweg hinan.
Wrath hing seinen Gedanken nach:
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Wie es Onkel Joseph und Tante Jeanne wohl geht? Ob grand-père Jacques noch lebt? Wer ist wohl sonst zugegen? Wie schön wäre es gewesen, wenn Lady Alice ... Nae, mac an donais! Vergiss sie endlich, sentimentaler Idiot!
Die Sonne schien an diesem schönen Spätherbsttag, als die beiden in den Schlosshof ritten. Natürlich war ihre Ankunft nicht unbemerkt geblieben – wer in diesen Zeiten nicht wachsam war, hatte schnell seinen letzten Schlaf geschlafen... Und so fand sich Wrath inmitten einer Schar Bediensteter, die ihn respektvoll grüßten und seinen Knappen bereits mit Beschlag belegten, um Neuigkeiten zu erfahren. Mit einem Lächeln um die Lippen stieg Wrath ab und ging auf den alten Louis zu, den majordome. „Très bienvenu, Monseigneur Gareth! Welche Freude, Euch nach so langer Zeit wiederzusehen. Kommt, kommt! Ich führe Euch zu Euren Gemächern, damit Ihr den Staub der Reise loswerden könnt.“
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Immer noch der emsige Louis, dem das Wohl der Familie und ihrer Gäste über alles geht.
dachte Wrath für sich und sagte: „Bonjour, Louis! Ich freue mich, dich bei bester Gesundheit zu sehen. Wohlan denn, wenn ich mich erfrischt habe, würde ich gerne die Familie sehen.“ Bei diesen Worten zog ein Schatten über Louis´ Gesicht und leise erwiderte er: „Ihr kommt um weniges zu spät, Monseigneur Gareth. Vor weniger als zwei Wochen ist le chef dahingegangen. Er starb friedlich im Kreise seiner Lieben und mit den Sakramenten versehen.“
„Das zu hören betrübt mich, Louis. Ich hatte grand-père Jacques sehr gern.“
Während sie das Schloss betraten, sagte Louis: „Le chef“ – anders hatte er ihn sein Leben lang nicht genannt – „hatte sein Ende nahen gefühlt, und so konnten auch Anverwandte von weit her noch Abschied von ihm nehmen und ihm die letzte Ehre erweisen.“
Da Wrath nun schon seit Monaten nicht mehr zuhause auf Dûn Bheagain gewesen war, hatte ihn die Nachricht natürlich nicht erreicht.
„Einige Gäste weilen noch hier“, fuhr der Alte fort, „Eure Mutter ist noch hier, da sie annahm, dass Ihr nicht zum Turnier nach Burgund reist, ohne Eure Verwandten zu besuchen. Und die Spanier sind noch da – sie haben auf Mademoiselle Marta gewartet, die gestern vom Turnier in der Hauptstadt zurückgekehrt ist.“
„Mutter ist hier?! Welch freudige Überraschung trotz des traurigen Anlasses!“
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Welche Spanier? Ach natürlich! Grand-pères schon länger verstorbene Schwester hatte nach Al-Andalus geheiratet und sicher Nachkommen...
Moment, Marta? Etwa die spanische Gräfin, die er in Burgund in einem ungleichen Kampf gegen ihre eigene Königin fechten gesehen hatte? Amira Marta de Vuvuzela, wenn er sich recht erinnerte.
***
Eine Stunde später betrat ein frisch gewaschener und in seinen besten Kilt gekleideter Wrath den grünen Salon, in dem er bereits erwartet wurde: „Bienvenu, neveu!“ begrüßten ihn Onkel und Tante unisono, worauf hin sie sich überrascht ansahen und ein Lachen nicht unterdrücken konnten. Wieder zu ihm gewandt, fragte Tante Jeanne: „Wie geht es dir? Bist du wohlauf?“
Ehe Wrath antworten konnte, trat seine Mutter zu ihm, umarmte ihn und begrüßte ihn herzlich: „Bonjour, mon fils!“, wobei sie in ihre Muttersprache zurückfiel, was Wrath mit einem amüsierten Grinsen quittierte, „ich freue mich so, dich gesund wiederzusehen."
„Ich grüße Euch, Onkel, Tante. Sei mir gegrüßt, Mutter. Es ist mir auch eine Freude, Euch wiederzusehen, wenngleich mich die Nachricht, dass grand-père nicht mehr unter uns weilt, sehr betrübt. Seid meiner Anteilnahme gewiss!“ Damit verbeugte sich Wrath vor seinen Verwandten, die seine guten Manieren gefällig zur Kenntnis nahmen.
Onkel Joseph nahm Wrath beim Arm und geleitete ihn zur Tafel, um ihn den anderen Gästen vorzustellen. Nachdem eine ganze Schar von Cousins und Cousinen ihn mit großem Hallo begrüßten, stellte Comte Joseph, nun selbst Chef des Hauses Montlièvre, Wrath den spanischen Gästen vor: „Darf ich Euch miteinander bekannt machen: Gareth MacLeod of MacLeod, Baron of Dûn Bheagain, genannt Wrath of Haresmount (was die Montlièvres sehr erfreut), zweiter Sohn der hier anwesenden Comtesse Marianne de Montlièvre, Baroness MacLeod of MacLeod, mein geschätzter Neffe.
Conde Juan de Braganca, Bruder meines Schwagers Hector de Valladolid ...“
Wraths Gedanken schweiften ab...
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wie traurig Lady Marta schaut. Der Tod von grand-père kann sie doch nicht so tief getroffen haben? Trotzdem sieht sie sehr gut aus: weiblich, doch kampfbereit, schlank, doch muskulös, alles in allem ganz eine stolze Spanierin...
„... und Mademoiselle Marta de Vuvuzela, Amira von Lissabon in Al Andalus, Tochter des unlängst verstorbenen, hoch geschätzten Sayyid Nuadu.“
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Daher also die Trauer! Jetzt verstehe ich.
Leise gab Wrath seinem Onkel zu verstehen, dass er gerne neben Lady Marta sitzen würde, und mit einem Augenzwinkern nickte Joseph, wandte sich zu Louis um und gab ihm ein Zeichen.
„Wie kann ich Euch aufmuntern nach dem Verlust, den Ihr erlitten habt, Amira?“ fragte Wrath Marta nach einer Weile, in der die Tischgespräche sich in den üblichen Belanglosigkeiten ergangen hatten.
Marta blickte ihn fragend an. „Warum solltet Ihr das wollen? Und nennt mich bitte Marta, Gareth.“
„Nun, Marta, es widerstrebt mir einfach, eine bezaubernde junge Dame anders als glücklich zu sehen.“
Da spielte erstmals ein kleines Lächeln um Martas Lippen, und mit einem Aufblitzen in ihren dunklen Augen sagte sie: „Nun gut, Wrath! Wie wäre es dann mit einem Trainingskampf? Das bringt uns, glaube ich, beide auf andere Gedanken.“
Da ließ sich Wrath nicht lange bitten. Gerne nahm er die Forderung an; er hatte ja schon Martas Qualitäten im Kampf gesehen; sie würde ihm alles abverlangen und selbst dann würde es schwer für ihn werden.